Nicht vergessen: Wir sind viele

Gerade im Internet könnte man derzeit den Eindruck gewinnen, dass ein starker Rechtsruck durch Deutschland geht. Auf Facebook & Co. lese ich beinah täglich menschenverachtende und rassistische Kommentare. Ich bin fassungslos. Ich bin wütend. Ich habe Angst vor Menschen, die solche Dinge äußern. Aber vor allem bin ich müde. Ich weiß, dass es wichtig ist, sich solchen Aussagen entgegen zu stellen. Aber es ist anstrengend, es kostet Kraft und Energie. Aber dieses Bild trügt und ich finde es für mich immer wieder wichtig, das nicht zu vergessen und sich daran zu erinnern. Denn sonst läge ich den ganzen Tag mit Decke über den Kopf im Bett und würde vermutlich Depressionen bekommen.

Ich kenne viele Menschen, die sich neben ihrem normalen Alltag aktiv für die Flüchtlinge in ihrer Gegend einsetzen und mit anpacken. Sie organisieren, sie unterrichten Deutsch, sie helfen bei Behördengängen, sie gehen mit zum Arzt oder sie sind selber der Arzt und haben sich bereit erklärt, Flüchtlinge erst mal kostenlos zu behandeln. Unglaublich viele Menschen helfen. Ich glaube, dass es viel mehr sind, als die, die hasserfüllte Kommentare irgendwo im Internet posten. Denn während die einen frustriert vor dem Internet sitzen und posten, Hass verbreiten und unreflektiert ziemlich viel Quatsch erzählen, sind die anderen einfach damit beschäftigt etwas zu tun und nicht darüber zu reden, denn dafür bleibt eigentlich keine Zeit mehr. Mir fällt auf, dass die, die sehr kritische und teilweise falsche Fakten erzählen, auf Nachfrage selber noch keine Erfahrungen mit Flüchtlingen oder in der Flüchtlingshilfe gemacht haben. Spreche ich hingegen mit Menschen, die selber Kontakt zu Flüchtlingen haben, so höre ich überwiegend nur positive Dinge. Ich erlebe sie selber, Woche für Woche. Der Austausch mit anderen Helfern ist wunderbar und gibt mir Kraft. Viele berichten voller Enthusiasmus genau das, was auch bei uns geschieht. Der gegenseitige Austausch macht Spaß, hilt auch den Helfern zu verstehen und verstanden zu werden. Und zu unseren Treffen, wo wir organisieren und versuchen, so gut es geht unsere Kräfte einzuteilen, um helfen zu können, erscheinen jede Woche neue Menschen, die helfen möchten. Menschen mit Zuversicht und Energie, die mit anpacken möchten. Die nicht nur zusehen möchten. Und die letztendlich Flüchtlinge zu neuen Nachbarn und Freunden machen.

Es ist ein wunderbares Gefühl zu sehen, dass es ganz, ganz viele gibt, die anpacken, die kein Verständnis für Pauschalisierung, Vorverurteilung und Fremdenhass haben, sondern die sich ein eigenes Bild machen. Die Hoffnung haben, die sehen, dass es uns gut geht und die andere auch ganz einfach daran teilhaben lassen wollen. Das gibt mir Mut in Phasen, in denen ich zweifle, in denen ich Angst vor einem rechten Deutschland habe, in denen mir die Kraft ausgeht und in denen ich denke es bringt alles nichts, wenn so viele nicht wollen, dass es was bringt. Doch es bringt was. Wir sind viele. Wir sind nicht alleine. Bitte vergesst das nicht.

Foto: sterntaler62 /pixelio.de

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