Jahresarchive: 2013

Eitorfer Gynäkologie und Geburtshilfe soll geschlossen werden – handeln!

In der letzten Novemberwoche hat das St.Franziskus-Krankenhaus in Eitorf die Schließung der Station Gynäkologie und Geburtshilfe zum 31. Dezember 2013 bekanntgegeben. Dies ist insofern eine Katastrophe, dass in einem ländlichen Bereich eine Gynäkologie und Geburtshilfe fehlen wird, viele Frauen aus dem Bereich Windeck/Herchen werden zukünftig nach St. Augustin oder Gummersbach fahren müssen, was je nach Wohnort bis zu 45 Minuten entfernt ist. Aber es ist für meine Begriffe auch in der Hinsicht eine Katastrophe, dass die durch Frau Dr. Olmos und ihr Team seit 2007 aufgebaute Station etwas ganz besonderes ist. Natürliche Geburten stehen hier im Vordergrund, auf Frauen wird individuell eingegangen (nicht als Nummer behandelt) und Geburten werden hebammengeleitet durchgeführt. Beckenendlagen des Kindes, die in anderen Krankenhäusern mangels Erfahrung nur mit Kaiserschnitt entbunden werden (was im Übrigen für ein Krankenhaus auch deutlich lukrativer ist), werden hier spontan entbunden und auch die Gestaltung des Kreißsaals entspricht diesen Grundsätzen und ist kein steriler Kreißsaal, wie ihn die meisten Frauen kennen. Aber nicht nur in der Geburtshilfe, auch gynäkologisch wurde man bisher bei kleineren Routineeingriffen bestens versorgt. So gut, wie ich es aus anderen Kliniken leider nicht kenne. Bis ich Frau Dr. Olmos durch einen Notfall kennenlernte, fuhr ich immer noch zu meiner Gynäkologin nach Köln. Aber sie und ihr Team waren ein Grund zu wechseln. Frau Dr. Olmos war früher in der Klinik in Bensberg, die im Kölner Raum für ebendiese Art der Geburtshilfe bekannt ist. Wen es interessiert, der kann hier die noch vorhandene Seite der Abteilung sehen.

Das eigentliche Drama besteht aber auch darin, wie das Ganze „ans Licht“ kam. Die Krankenhausleitung, Frau Gabriel, veröffentlichte nebenbei eine News auf der Krankenhausseite (die inzwischen runtergenommen wurde) und informierte am 29.11.2013 auch Frau Dr. Olmos und die Hebammen. Ich habe persönlich mit Frau Dr. Olmos gesprochen, weil sie seit 2010 meine Gynäkologin ist und sie versicherte mir, dass in Gesprächen, die noch im September geführt wurden, keine Rede davon gewesen sei. Auch Zahlen habe sie seit geraumer Zeit nicht gesehen und nichts vom angeblichen „dicken Minus“ der Station gewusst. Auch die Hebammen, die sowieso freiberuflich dort tätig sind, haben auf den letzten Drücker an diesem Termin Bescheid über die Schließung bekommen. Wirkliche Gründe wurden außer einem Defizit nicht genannt.

Bürgersprechstunde – Pflichtveranstaltung, um die Gemüter zu beruhigen?

Nun könnte man meinen, wenn es doch Probleme gab, hätte man sich vorher zusammensetzen und nach Lösungen suchen können. Aber das scheint gar nicht im Sinne der Deutschen KlinikUnion (DKU – man beachte die Unternehmensphilosophie auf der Startseite) zu sein, die das defizitäre Krankenhaus im Jahr 2012 für 1,50 € von der Gemeinde Eitorf erworben hat. Am Montag, den 9. Dezember, lud man zu einer Bürgersprechstunde, da nach Bekanntwerden der Entscheidung deutlicher Unmut unter den Frauen in der Umgebung aufkam. Ich war da, hatte mir auch Punkte notiert und Fragen formuliert, die mich interessierten. Leider wurde bereits an den Gesichtern der Teilnehmer der DKU beim Eintreffen klar, dass hier niemand wirklich Gesprächsbedarf sah, es sah eher nach lästiger Pflichtveranstaltung aus, gepaart mit etwas Angst vor dem motzenden Pöbel. Frau Dr. Olmos hatte man vorsorglich in die eigenen Reihen gesetzt. Meine Vermutung ist, dass man sich gerne gemeinsam mit ihr präsentieren wollte, so, als sei es eine gemeinsame Entscheidung – die es aber nicht ist. Frau Dr. Olmos merkte dann auch recht schnell an, dass sie gerne früher von den Problemen erfahren hätte. Ihr wurde entgegen gehalten, dass man doch bereits auf dem Sommerfest mit ihr gesprochen habe. Sie bestreitet das und ich persönlich glaube ihr. Vielleicht wollte man es ihr durch die Blume sagen, wer weiß. Aber welcher ernsthaft an der Erhaltung einer wertvollen Station interessierte Gesellschafter spricht ein solches Thema auf einem Sommerfest an? Ist das nicht eher etwas, das geplant und strategisch gemeinsam offiziell besprochen werden sollte?

Die Bürgersprechstunde war ein Desaster: viele Fragen, viele wütende Frauen und auch Männer, schwammige Begründungen, keine Antworten. Es wurde nicht klar, was die wahren Gründe für die Schließung sind. Mal wurden die niedrigen Fallzahlen genannt, die sich jedoch stetig steigen, seit Frau Dr. Olmos die Station übernommen hat. Mal waren es fehlende Belegärzte, laut Geschäftsführung habe sich keiner beworben (man habe händeringend gesucht, aber Bewerbungen blieben unbeantwortet!) bzw. fehlen Zulassungen. Mal war das Defizit so hoch, dass nur 600 Geburten jährlich die Station retten könnten – ein munteres Durcheinander. Der Verdacht liegt nahe, dass der wahre Grund ein ganz anderer ist, den niemand vorgetragen hat. Und dass auch die Pläne ganz andere sind. Bei den Beteiligten der DKU machte sich am Ende der Sprechstunde, welches offensichtlich sehnsüchtig erwartet wurde, wie der regelmäßige Blick auf die Uhr verriet, Erleichterung auf den Gesichtern breit. Da so viele etwas sagen wollten und Fragen stellten (die jedoch unbeantwortet blieben), ging ich mit meinem Zettel in der Tasche wieder raus – ohne zu Wort gekommen zu sein. Zu viele wollten reden, nicht alle konnten. Emotionales Reinschreien ist nicht so mein Ding und bringt uns in dieser Sache leider auch nicht unbedingt weiter. Fakten müssen her.

Öffentliche Mittel und Zweckgebundenheit

Zum Aufbau der Station trug ein Teil öffentlicher Gelder bei. Mir hat sich von Anfang an die Frage gestellt, wie lange solche Gelder, die aus den Steuergeldern der Eitorfer Bürger bestehen, zweckgebunden sind. Frau Dr. Olmos hat mir erzählt, dass sie diese Frage bereits im Rathaus gestellt hat und darauf bisher keine Antwort erhielt. Auch wurde ihr mitgeteilt, dass sie darüber auf die Schnelle (also vermutlich nicht mehr in diesem Jahr) keine Antwort erhalten könnte. Warum denn nicht? Dürfen die Bürger denn nicht erfahren, wie die Situation bezüglich der öffentlichen Gelder aussieht? Und warum stehen die Eitorfer dafür nicht auf und haken nach – es sind ihre Steuern! Vielleicht wäre dies sogar der einzige rechtliche Grund, das Ganze anzugehen und abzuwenden. Denn wenn die öffentlichen Gelder zum jetzigen Zeitpunkt noch zweckgebunden wären, könnte man handeln. Ansonsten kann die DKU natürlich machen, was sie will, denn ihnen gehört das Krankenhaus. Auch wenn sie 2012 bei der Übernahme deutlich sagte, dass die Station erhalten bliebe und sich nichts verändern würde. Dass sie nun ihr Wort nicht hält, ist zwar menschlich unschön, aber kein Verbrechen. Da können sich alle noch so lange aufregen und jammern. Man muss Punkte suchen, die wirklich angreifbar und sachlich korrekt sind. Was also ist mit diesen zweckgebundenen Mitteln? Woher bekommt man die Antwort darauf?

Medien

Es wurde in verschiedenen Medien darüber berichtet, aber natürlich geht es hier um einen kleinen, ländlichen Bereich, für den sich wenige interessieren. Die Journalisten waren teilweise lückenhaft informiert oder haben sich von Frau Gabriel überzeugen lassen, die sich sehr bemüht, das Ganze als dramatischer Mangel an Belegärzten hinzustellen. Aber meines Erachtens geht es hier um ein grundsätzliches Problem im Gesundheitssystem. Wirtschaftlichkeit geht vor Versorgungsauftrag. Eine zentralisierte medizinische Versorgung wird unterstützt, obwohl eine hervorragende Station existiert und auch genutzt wird. Warum hebt die DKU nicht diese Besonderheiten der Station hervor und bewirbt und unterstützt sie? Sitzt dort niemand im Vorstand, der einen hippokratischen Eid geleistet hat, sondern nur BWLer und Juristen?

Was passiert weiter?

Für kommenden Montag ist ein Fackelzug (16 Uhr, vom Rathaus zum Krankenhaus) geplant. Aber es muss mehr passieren. Eitorfer Bürger müssen informiert werden und aufstehen. Sich wehren und nicht einfach hinnehmen, was ihnen serviert wird. Wenn wir das Ganze nicht im Sand versickern lassen wollen, dann müssen wir dranbleiben und Fakten rausfinden. Bei der Demo am Montag waren geschätzte 400 Teilnehmer vor dem Rathaus. Dabei betrifft es doch alle Eitorfer. Von denen es sonst bald keine mehr gibt. Erzählt überall davon, mobilisiert Freunde und Bekannte und gebt nicht einfach so auf! Es ist ein so wichtiges Thema.

Bericht des WDR Bonn am 09.12.2013 in der Mediathek

Online-Petition gegen die Schließung der Eitorfer Gynäkologie & Geburtshilfe

Lobhudelei & Buchtipp: „Wunder muss man selber machen“ von Sina Trinkwalder

Sina Trinkwalder, die Gründerin des öko-sozialen Textilunternehmens manomama, hat die Geschichte von manomama als Buch herausgebracht. Das Besondere daran: Das Buch zeigt, wie es gehen kann, wenn man will, dass es so geht. „So“ heißt in diesem Fall: Schaffung von fair bezahlten Arbeitsplätzen für Menschen (meist Frauen), die unsere Gesellschaft normalerweise gerne außen vor lässt, regionale und ökologische Produktion, keine Gewinnmaximierung als oberstes Ziel. Geht nicht? Geht doch. Sina erzählt, wie.

Ich „kenne“ manomama bzw. Sina als Kopf des Unternehmens seit der Gründung via Twitter und Facebook. Von Anfang an war ich Feuer und Flamme für ihre Idee, denn es entsprach genau meinen Wertvorstellungen. So verfolgte ich ihren Weg mit großer Spannung und war beim Start 2010 bereits überzeugt, dass das Unternehmen ein Erfolg wird und ich es unterstützen möchte. Mein erstes Kleid von manomama hatte die Bestellnummer 56 und ich bin heute noch stolz darauf, eine der ersten gewesen zu sein, die dort bestellt haben. Ich trage es seitdem beinahe durchgängig (und es ist top in Form!). Im Buch erzählt uns Sina nun die ganze Geschichte von der Gründung von manomama bis zum jetzigen Stand (und es wird ganz sicher weitergehen).

Sina hat jetzt ein Buch geschrieben. Ich gebe zu, ich war zunächst skeptisch, ob das nun auch dem neusten Medienrummel um Sina geschuldet ist und bezweifelte, ob die Welt ein solches Buch braucht. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass es langsam auch schon zu viel „Sina“ in den Medien würde. Bei unserem ersten persönlichen Treffen auf der diesjährigen Buchmesse fragte ich sie, ob sie das Buch selber geschrieben habe. „Jede einzelne Seite“, war ihre Antwort. Dadurch wurde meine Neugier doch noch geweckt, denn ich hätte gedacht, sie habe einen Ghostwriter gehabt. Wann soll diese Frau denn noch ein Buch geschrieben haben? Nach der Lektüre dieses Buches kann ich nur sagen: Ja, die Welt braucht dieses Buch! Ich habe außerdem verstanden, warum sie zukünftig noch mehr in den Medien zu sehen sein muss: Um Wahrheiten an- und auszusprechen.

Sina beschreibt, wie es zu der Idee kam, manomama zu gründen und warum es ein Textilunternehmen wurde. Ihr oberstes Ziel, Arbeitsplätze für Menschen zu schaffen, die aus den verschiedensten Gründen auf unserem üblichen Arbeitsmarkt aussortiert wurden, aber an der Gesellschaft teilhaben wollen, hat sie dabei trotz ständig neuer Steine im Weg immer wieder angetrieben. Es macht Spaß zu lesen, wie sie das Nähen lernte, und Stück für Stück ihrer Idee näher kam. Das Besondere daran ist wohl, dass sie niemals aufgegeben hat – und Anlässe dazu hätte es genug gegeben. Man liest und liest und ist fasziniert, wie sie ein Problem nach dem anderen löst. Ja, Sina hat jede Menge Energie und einen anscheinend nicht zu brechenden Willen. Die andere Seite dieses Buchs und dieser Frau ist jedoch die Empathie, die sie trägt, ihr respektvoller Umgang mit Menschen und ihre Ehrlichkeit. Beim Lesen fand ich Situationen wieder, die ich damals online „miterlebt“ habe. Das macht es echt und ehrlich. Sina macht niemandem was vor, Sina macht. Lässt sich nicht beirren, hält an ihren Prinzipien fest und – hat damit endlich den verdienten Erfolg. Den ihr die wenigsten zugetraut hätten.

„Ich habe viel Energie in die Wiege gelegt bekommen. Wieso soll ich nicht meine Kraft für jene Menschen aufwenden, die sie brauchen? Wenn die Stärkeren viel mehr auf die Schwächeren in unserer Gesellschaft achten würden, wäre uns allen geholfen.“

Diese Sätze haben mich sehr berührt. Sie sagen eigentlich alles.

Fazit: Zuerst wollte ich schreiben: „Dieses Buch ist ein Märchen.“ Aber dieses Buch ist genau das nicht: Eine Geschichte, die zu schön ist, um wahr zu sein. Sie ist wahr, weil Sina sie wahr gemacht hat. Das zeigt jedem, was möglich ist, wenn man nur will und sich gegen alle Windmühlen durchkämpft und an seinen Werten festhält. Lest und verschenkt dieses Buch! Ich habe die große Hoffnung, dass es dem ein oder anderen die Augen öffnet.Buchcover Wunder muss man selber machen

Sina Trinkwalder: Wunder muss man selber machen
Wie ich die Wirtschaft auf den Kopf stellte
Hardcover, 254 Seiten, 16,99 €
Droemer Verlag, Müchen 2013
ISBN 978-3-426-27615-0
 

Hier geht es zur Homepage von manomama.

Tomatenzeit – Zeit für Rezepte

659204_web_R_by_Dorothea Jacob_pixelio.de

Die große Ernte beginnt mal wieder. Da ich im Garten deutlich mehr Tomaten habe, als gegessen werden können, habe ich in den letzten Jahren ein paar Rezepte erprobt, um die Tomaten sinnvoll zu verwerten.

Der erste Schwung reifer Tomaten wird bei mir immer in einer flachen Form ausgebreitet. Darauf verteile ich gehackten Knoblauch, ein paar Zweige Basilikum und Oregano sowie etwas Salz und träufel etwas Olivenöl darüber. Wenn vorhanden, macht sich auch eine gehackte Chili gut. Ab in den auf 220 Grad Celsius vorgeheizten Ofen für 30-40 Minuten. Die Tomaten entwickeln ein herrliches Aroma und schmecken köstlich auf frischem Brot. Das, was übrig bleibt, püriere ich (die Kräuterzweige entferne ich vorher grob) und mache es in Gläser ein. Damit habe ich in den nächsten Wochen immer eine aromatische Tomatensauce zur Hand, die sich bestens als Pizzabelag oder Grundlage für andere Pastasaucen eignet. Frisch aus dem Ofen sieht das dann so aus:

Ofentomaten

 

Was mit noch grünen Tomaten anstellen?

Im letzten Jahr kam leider Anfang Oktober schon ein Kälteeinbruch, obwohl viele meiner Tomaten noch grün und hart waren. Weil ich es so schade fand, sie einfach hängen zu lassen oder wegzuschmeißen, habe ich ein Rezept mit grünen (tatsächlich noch grünen, nicht wirklich grünen) Tomaten ausprobiert. Da es toll war und im Keller bis heute noch ein letzter Vorrat steht, der regelmäßig zu Käse etc. genossen wird, möchte ich dieses Rezept vorstellen: grünes Tomaten-Chutney.

Zutaten für grünes Tomaten-Chutney: 1,25 kg grüne Tomaten, 2 Zwiebeln, 125 g Salz, 250 g Zucker, 500 ml Apfelessig, 1/2 TL Lebkuchengewürz, 1/2 TL Zimt, 2 TL Currypulver und 2 TL Maismehl.

Zubereitung: Tomaten und Zwiebeln in dünne Ringe schneiden. Mit Salz in eine große Schüssel geben und mit Wasser bedecken. Mischung mit einem Teller beschweren und über Nacht erstmal ziehen lassen. Am nächsten Tag abgießen und gründlich abspülen. Die Mischung in einem Topf mit Zucker, Essig und Gewürzen auf niedriger Temperatur ohne zu kochen fünf Minuten verrühren, bis der Zucker aufgelöst ist. Dann alles aufkochen, Hitze runterdrehen und 30 Minuten unter regelmäßigem Rühren weich garen. 2 TL Wasser mit dem Maismehl verrühren und unterrühren. Bei mittlerer Hitze aufkochen und unter rühren eindicken lassen. Dann kommt das ganze in mit kochendem Wasser ausgespülte Einmachgläser und diese werden feste verschlossen.

Vor dem Genuss sollte das grüne Tomaten-Chutney mindestens einen Monat ruhen, damit sich das Aroma in Ruhe entfalten kann. Dann ist es haltbar – bei mir seit einem Jahr und es ist noch völlig in Ordnung.

So, und nun muss ich wieder schnell zum Herd flitzen, dort köchelt nämlich aus der heutigen Ladung Tomaten eine Tomatensauce mit Nelken, Ingwer und einigen anderen köstlichen Gewürzen. Wie das schon duftet…

Bauchgefühl: Gute Kunden, böse Kunden

Als Freiberufler kämpft man ja grundsätzlich alleine und freut sich, wenn ohne Zutun neue Kunden auftauchen. Wie aber kann man beurteilen, ob der neue Kunde auch zahlungswillig ist?

Ich arbeite seit sechs Jahren freiberuflich und hatte bisher das große Glück, dass alle Rechnungen bezahlt wurden. Eine Mahnung hatte ich bis zu diesem Jahr erst ein einziges Mal geschrieben. Mir ist klar, dass ich das nicht alleine in der Hand habe. Aber wonach kann man gehen?

Firmenkunden

Bittet bei mir eine Agentur, eine Firma oder ein/e angebliche/r KollegIn, mit denen ich bisher nicht zusammengearbeitet habe, um ein Angebot, ist da zunächst einmal die Frage, ob ich sie kenne. Oft habe ich von den Anfragenden schon mal gehört oder sie wurden von Kollegen, mit denen sie schon lange zusammenarbeiten, an mich verwiesen. Dann vertraue ich absolut auf das, was ich weiß und erstelle wie gewünscht ein Angebot. Wenn ich aber von denjenigen noch nie etwas gehört habe, recherchiere ich ein wenig. Erst Recht, wenn mir eine Mail seltsam vorkommt oder ich das Gefühl habe, dass es eine Massen-Mail ist, die nur eben auf meinen Namen personalisiert wurde (wenn überhaupt!). Dann schaue ich in Listen zu Zahlungsmoral und in einschlägigen Foren, ob Erfahrungen vorliegen und schon mal jemand geprellt wurde. Es gibt aber auch beispielsweise Firmen mit zweifelhaftem Ruf (wenn man diesen Einträgen glaubt), mit denen ich schon länger zusammenarbeitete und nie ein Problem hatte. Deshalb verlasse ich mich nicht nur auf solche „Bewertungen“ anderer, sondern versuche mir meine eigene Meinung zu bilden. Ein paar grundlegende Dinge müssen jedoch erfüllt sein, dass ich ein ernsthaftes Angebot abgebe:

  • Signatur sollte vorhanden sein und mind. Festnetznummer, Adresse sowie Homepage enthalten
  • E-Mail-Adresse aus einem Guss mit der Homepage, d.h. keine web.de- oder gmx.de-Adresse
  • Die Mail sollte professionell verfasst sein und ich bereits bei der Anfrage so viele Informationen und evtl. ein Textbeispiel erhalten, sodass ich zur Erstellung des Angebots nicht nachfragen muss
  • Natürlich muss der zu vergebende Auftrag in meinem Schaffens- und Kompetenzbereich liegen und ich muss freie Kapazitäten haben

So genau nehme ich es damit allerdings nicht immer. Wenn ich das Gefühl habe, jemand ist z. B. einfach nur etwas unerfahren, aber sympathisch, dann lasse ich mich durchaus überzeugen. So sind schon sehr nette Geschäftsbeziehungen zustande gekommen, die auch immer problemlos abliefen. Aber nun, es ist mir passiert und ich hätte es wissen müssen. Bereits bei der ersten Mail der Agentur wurde ich stutzig und hatte ein komisches Gefühl. Es gab lediglich eine Handynummer in der Signatur, Homepage schien mir auch eher unprofessionell und dazu gab es noch negative Einträge in Zahlungsforen. Trotzdem (hier hat offenbar mein Bauchgefühl versagt) schickte ich ein Angebot raus und zwar ein relativ hohes. Ich habe kein Interesse für eine Agentur zum Dumpingpreis zu arbeiten und nehme lieber einen Auftrag nicht an, als unterirdisch für meine Arbeit bezahlt zu werden. Dann – Überraschung – sie nahmen mein Angebot an. Ich habe drei Aufträge für sie erledigt, die auf zwei Rechnungen verteilt waren. Die Zahlungsfrist lief ab. Ich schickte eine Mahnung. Auch diese Frist lief ab. Ich schrieb dem Kunden eine freundliche Mail, dass ich bei Nichtzahlung bis zum Tag X hier auf meinem Blog die Fakten zu dem Fall veröffentlichen würde, so wie die Kollegin Miriam Neidhardt dies mit Erfolg tut. Die offenen Beträge waren wie von Zauberhand schnell auf meinem Konto, obwohl eine Büroangestellte mir sagte, der Chef käme leider nicht zum Überweisen, weil er so viel unterwegs sei. Ich werde jedoch in Zukunft verstärkt auf mein Bauchgefühl hören, ob ich für jemanden arbeiten möchte oder nicht.

Privatkunden

Bei Privatkunden sieht die Sache natürlich anders aus. Viele Kollegen verlangen von Privatkunden eine Zahlung im Voraus. Auch das mache ich nicht. Ich maile, telefoniere und spreche mit den Menschen und erwarte, dass meine Leistung hinterher bezahlt wird. Was sie bisher auch bei allen (!) Privatkunden wurde. Wenn mir jemand suspekt ist, arbeite ich nicht für ihn. So viel Luxus gönne ich mir. Und glaube an das Gute im Menschen, auch weiterhin. Weil ich kein misstrauischer Mensch werden möchte, der anderen von vorneherein eine böse Absicht unterstellt.

Studie zur “selbstständigen Ausgestaltung von Leistungen durch Physiotherapeuten”

Als inaktive Physiotherapeutin (im rein beruflichen Sinne) schreibe ich auch für verschiedene Physiotherapiezeitschriften und bin an dem Thema und der Entwicklung in diesem Bereich immer sehr interessiert. Nun saß ich neulich beim Friseur und blätterte im Stern herum, als ich einen Artikel darüber fand, dass es eine laufende Studie in Teilen von Deutschland gibt, in der verglichen wird, ob es sinnvoll für Patienten ist, wenn sie – wie in anderen Ländern wie Großbritannien und Skandinavien längst üblich – bei Beschwerden direkt zum Physiotherapeuten gehen und dieser über die Art und Dauer der Behandlung selbst entscheidet.

Bisher sind Physiotherapeuten in Deutschland nämlich arztgebunden, das heißt, sie benötigen vom Patienten eine Verordnung mit Diagnose des Arztes. Dauer und Art der Behandlung werden vom Arzt festgelegt, der dafür den (ungeliebten) Heilmittelkatalog anwendet. Selbst ein Patient, der gewillt ist, seine physiotherapeutische Behandlung selbst zu bezahlen, benötigt eine “Unbedenklichkeitsbescheinigung” vom Arzt. Das ist in vielerlei Hinsicht unpraktisch und unrealistisch. Bei vielen Krankheitsbildern weiß ein Physiotherapeut in der Regel sehr gut, welche die adäquate Therapie ist, zumal vielen Ärzten die verschiedenen Therapieformen gar nicht bekannt sind. Außerdem behandelt ein Physiotherapeut den Patienten über einen bestimmten Zeitraum, kennt seinen aktuellen Zustand und könnte rein theoretische entscheiden, ob ein Weiterführen der Behandlung sinnvoll wäre oder nicht. Das alleine ist schon ein sehr kompliziertes Thema, welches eng mit dem Akademisierungsbestreben in der Physiotherapie zusammenhängt (das ich absolut befürworten würde, denn es ist eine fundierte und anspruchsvolle Ausbildung, die einem Studium durchaus würdig ist). In der Fachzeitschrift “physiopraxis” habe ich darüber bereits vor einigen Jahren einen Artikel geschrieben.

Aber zurück zur Studie: Es wäre revolutionär, wenn auch in Deutschland die Physiotherapeuten mehr Freiheit bekämen. Da ich interessiert daran war, durchforstete ich das Internet nach mehr Informationen zur Studie. Aber – nichts! Fast nichts: Eine kleine Meldung der BIG direkt gesund aus dem Jahr 2011, dass das beschrieben Modellvorhaben im Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) gestartet ist. Warum interessiert sich niemand dafür? Warum hört man von dem Thema nicht mehr? Ich bin da generell vorsichtig, aber merkwürdig ist es schon. Fühlen sich Ärzte dadurch in ihrer Kompetenz untergraben? Das Gesundheitssystem könnte viel Geld sparen, wenn die Arztgänge, die nur Verordnungszwecken im Bereich Physiotherapie dienen, wegfallen würden. Aber vielleicht will genau das ja niemand.