Monatsarchive: Juli 2011

Muttersprachlerprinzip – sinnvoll oder nicht?

Vor kurzem führte ich ein Korrektorat eines englischen medizinisch-wissenschaftlichen Berichts durch. Dabei fiel mir ziemlich schnell auf, dass die Übersetzung aus dem Deutschen von einem deutschen Muttersprachler erfolgt sein musste. Man erkennt es leider am Satzbau, Grammatik, Wortwahl u.v.m. Interessanterweise wurde der Text ursprünglich auch bei mir zur Übersetzung angefragt, aber ich lehnte ab, da ich aus Prinzip nur in meine Muttersprache Deutsch übersetze. Zur Erklärung: Das reine Korrektorat, in dem es „nur“ um Orthografie und Interpunktion sowie Formatierung geht, nehme ich an, denn ich bin in Texten dieser Art sicher.

Nun twitterte ich (ja, ich bin auf Twitter hängengeblieben, siehe auch dieser Eintrag), dass ich etwas genervt von der Übersetzung sei, von der man merkte, dass sie von einem Nicht-Muttersprachler gefertigt worden sei und ich dies für unseriös hielte. Daraufhin antwortete mir eine andere Übersetzerin, dass sie das ganz anders sehe, denn sie übersetze auch in die Fremdsprache und halte dies bei einem muttersprachlichen Lektor für eine gute Kombination, die gelungene Texte hervorbringe.

Ich habe es als Denkanstoß genommen und mir bei dem monatlichen Übersetzerstammtisch auch weitere Meinungen eingeholt. Und ehrlich gesagt ist meine Meinung dieselbe geblieben. Ich finde es unseriös, in die Fremdsprache zu übersetzen. Es gibt sicherlich Ausnahmen, wie beispielsweise Dokumente und Urkunden, bei denen der Inhalt immer wiederkehrend ist. Sicherlich ist es in Phasen, in denen Auftragsflaute herrscht, verlockend und ich habe selber schon mal kurz darüber nachgedacht, es anzunehmen, mich letztendlich aber dagegen entschieden. Denn für Texte, auch wissenschaftlicher Art, finde ich es nach wie vor unseriös. Sprache ist so vielschichtig und letztendlich auch kompliziert, dass man bei manchen Satzkonstruktionen schon in seiner Muttersprache unsicher ist und hin und her überlegt, um einen Satz sauber zu Papier zu bringen. Ich bin der Überzeugung, dass sprachliche Feinheiten, grammatikalische Konstruktionen und stilistische Korrektheit nur von einem Muttersprachler einwandfrei beherrscht werden können. Es kommt in der Fremdsprache unweigerlich zu Fehlern und ich finde nicht, dass das anschließende Lektorat dafür da ist, die Übersetzungsfehler auszumerzen. Wenn es überhaupt ein Lektorat gibt, denn dies ist nicht bei allen Kunden der Fall.

Jetzt kann man das Argument anführen, dass der Nicht-Muttersprachler den Ausgangstext dafür genau versteht. Das mag sein, aber was nützt es, wenn er die Korrektheit in der Zielsprache nicht gewährleisten kann? Selbst bilinguale Übersetzer, die ich kenne, übersetzen stets nur in eine Richtung. Weil sie sich sonst unsicher fühlen und eben die erwähnte Genauigkeit und Korrektheit nicht 100% garantieren können. Bei dem Stammtisch stellte sich übrigens heraus, dass alle nach dem Muttersprachlerprinzip arbeiten, das Lektorat/Korrektorat hingegen gerne von Nicht-Muttersprachlern durchgeführt und als sinnvoll erachtet wird.

Für mich bleibt das Muttersprachlerprinzip die Grundvorraussetzung für qualitativ hochwertige Übersetzungen. Und ich werde weiterhin Kunden, die eine Übersetzung ins Englische oder Spanische wünschen, an meine Muttersprachler-Kollegen verweisen.