Monatsarchive: Oktober 2009

Mädchen und Jungs lernen anders?

Auf der Internetseite von PONS habe ich entdeckt, dass es neue Diktat- und Textaufgaben-Bände gibt. Und zwar nicht irgendwelche, nein, sondern geschlechterspezifische Diktat- bzw. Textaufgabenübungen.

Im ersten Moment dachte ich wirklich, es sei ein Scherz. Leider meint der Verlag es bitterernst. So heißt es in der Pressemitteilung des Verlags: „Wenn etwa Jungs Treppendiktate erlaufen, wird ihre natürliche Bewegungsfreude positiv für das Lernen genutzt. Handelt der Text dann noch von spannenden Raumschiffabenteuern, ist Aufmerksamkeit vorprogrammiert. Mädchen finden ihre heißgeliebten Pferde genauso wieder wie kreative Anregungen zum Basteln oder Geschichten erfinden.“ Aha. Jungen bewegen sich also gerne, finden Piraten und Dinosaurier toll und sind technisch interessiert, Mädchen hingegen lieben Pferde, Meerjungfrauen, romantische Regenbögen und basteln gerne.

Mädchen lernen andersJungen lernen anders

Ich bin schockiert, denn ich dachte, ebendiese „geschlechtertypischen Themen“ seien Geschichte. Ist doch allseits bekannt, dass es durchaus zur Vermischung der Interessengebiete der einzelnen Geschlechter gekommen ist, seitdem man den Kindern ihren Freiraum lässt und eben nicht nur genderspezifisches Spielzeug anbietet. Dazu sagt Sebastian Weber, Verlagsleiter PONS Selbstlernen: „Wir wollen nicht altbekannte Klischees zementieren, sondern die Kinder da abholen, wo sie stehen“. Aha. Dass Herr Weber damit aber die altbekannten Klischees bestätigt, hat er wohl nicht bemerkt.

Ich frage mich, wie es in heutigen Zeiten zu solchen Büchern kommen kann. Mädchen werden in allen Bereichen Möglichkeiten geboten und der inzwischen etablierte „Girls-Day“, wird mehr als dankend angenommen. Selbst ein „Boys-Day“ gehört inzwischen zum normalen Ablauf in Schulen. Mit diesen genderspezifischen Übungen jedoch wird bereits kleinen Mädchen und Jungen gezeigt, was sie gefälligst zu interessieren hat. Und wo sie sich einzuordnen haben. Das gesamte Vokabular ist darauf ausgelegt, die zart beseiteten Mädchen anzusprechen und die harten Jungs stärker zu machen. Dabei ist doch ein Erfolg der Emanzipation, dass auch Mädchen ihre Stärken ausleben dürfen, ebenso wie Jungen sich von ihrer weichen Seite zeigen dürfen. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ ist passé? Von wegen.

Das finde ich wirklich traurig. Ob man darüber bei PONS mal nachgedacht hat? Es gibt sicher Unterschiede in der Art, wie Kinder lernen. Da sollte man ansetzen. Und nicht bei den gängigen Jungen-Mädchen-Klischees.

Nachtrag: Kommentar von PONS zur Kritik ist hier nachzulesen:

http://fehlermeldungen.pons.eu/2009/10/pons-diktat-ubungshefte-in-der-kritik/ 

Rechnen mit Prinzessin Rosarot – PONS Online-Diskussion 3.11.09 from PONSeu on Vimeo.

180×120.jpg