Monatsarchive: März 2009

Wie ist das denn jetzt mit den Kassiererinnen?

Schon lange wollte ich etwas über Kassiererinnen, Supermarkterlebnisse oder ähnliches schreiben. Dem ist man mir nun zuvor gekommen. Plötzlich ist das Thema der „Kassiererin“ ganz aktuell in den Medien. Angefangen hat vermutlich alles mit der Berlinerin Kassiererin Barbara E., die bei Kaiser´s nach 15 Jahren Tätigkeit entlassen wurde. Die Frau soll Pfandbons im Wert von 1,60 Euro unterschlagen haben. Und da im Arbeitsrecht – anders als im Strafrecht – der Verdacht eines Diebstahls reicht, um einen Angestellten zu entlassen, ist Kaiser´s laut Gesetz im Recht. Tja, so ist das eben. Was interessiert es die Gerichte, dass die Frau sich in all den Jahren nichts zu Schulden kommen ließ. Oder dass es absolut schwachsinnig wäre, wegen 1,60 Euro seine Arbeitsstelle zu riskieren? In manchen Firmen sind Mitglieder des Betriebsrats nicht gern gesehen und schon gar nicht, wenn sie sich für die Rechte der Mitarbeiter einsetzen. Nein, in diesen harten Zeiten kann man da keine Gnade walten lassen.

Aber zurück zu den Kassiererinnen. So kamen sie also ins Gespräch. Vor kurzem las ich in der EMMA einen Artikel über die französische Kassiererin Anna Sam, deren Buch „Die Leiden einer jungen Kassiererin“ gerade auf Deutsch erschienen ist. Sie beschreibt in ihrem Buch die Position der oftmals gedemütigten und unfreundlich behandelten Kassiererin, die mit Piepen im Ohr nach Hause geht, wenn sie denn mal Feierabend hat. Kurz darauf, genauer gesagt, am 05.03.2009, lese ich im Kölner Stadtanzeiger einen Kurzkommentar von Stefan Knieps zum Thema Supermarkt-Kassen. Ihm ist das alles viele zu viel Fragerei („Haben Sie eine Paybackkarte?“) und überhaupt möchte er doch nur einkaufen. Dass er sich schlussendlich auch noch Turbokassen nach seinen persönlichen Vorstellungen ausmalt, zeugt davon, dass er beim Einkaufen in möglichst minimalistischen Kontakt mit einer Kassiererin treten will. Schließlich will man ja einkaufen und keine Gespräche führen. Wär ja auch noch schöner.

In derselben Woche dann erscheint im freitäglichen Magazin der Süddeutschen Zeitung ein Artikel „Die Kassiererin“, welcher die offensichtlich unzumutbaren Arbeitsbedingungen der Kassiererinnen und die Position der Person an der Kasse beleuchtet und Bezug auf das Buch von Anna Sam nimmt. Der Artikel beschreibt dabei auch sehr schön das Bild der Kassiererin in der gegenwärtigen Literatur. Ein von Unmündigkeit und Passivität gekennzeichnetes Bild, welches im dümmsten Fall auch noch Männerfantasien ausfüllt.

Wenn ich all diese Berichte jetzt nicht gelesen hätte, hätte ich geschrieben, dass ich einen vollkommen anderen Eindruck habe. Ich begegne den meistens Menschen erst mal freundlich. In der Begegnung mit sehr vielen Kassiererinnen allerdings führt dies zu sehr viel Irritation meinerseits. Denn zumeist bin ich die, die „Guten Tag“ sagt, wobei Kassiererinnen häufig a) gar nicht reagieren, b) verwirrt leicht den Kopf heben und mich anschauen oder c) freudig zurück grüßen. Leider sind letztere die seltensten Begegnungen. Ich wunderte mich bisher darüber, dass es zu viel zu sein scheint, dem Kunden an der Kasse freundlich zu begegnen. Denn letztendlich sind wir an der Kasse Kunden, die man üblicherweise gut behandeln sollte. Allerdings geht es im Falle einer Kassiererin natürlich nicht darum, dass sie uns etwas direkt verkaufen will, denn wir kommen ja bereits mit unserem fertigen Einkauf zu ihr und wollen bezahlen. Wir wollen zwar etwas von ihr, aber sie will ja schließlich auch unser Geld. Mir kam es bisher immer so vor, als müsse man sich um Supermarktkunden nicht bemühen, denn die kommen ja ohnehin wieder, da der Supermarkt gleich um die Ecke liegt und man nicht den Supermarkt wie den Arzt wechselt, wenn man sich schlecht behandelt fühlt. Reklamiert man einen falsch eingegebenen Preis, bekommt man oft nur ein mürrisches „Ach so, das ist hier schon falsch eingegeben“, statt einer Entschuldigung, die ich in solchen Fällen eigentlich für angebracht hielte. Pfandbons werden einem mehr oder weniger aus der Hand gerissen, bevor man etwas dazu sagen kann und mein Einkaufswagen wird wortlos um die Kassenecke gezerrt und mit skeptischem Blick auf geklaute Lebensmittel geprüft. Erst vor wenigen Tagen hatte ich ein Erlebnis, bei dem ich laut lachen musste: Ich stand schon an der Kasse. Währen die Kassiererin meine Einkäufe scannte, holte ich zwei Stofftaschen aus meiner Umhängetasche, in denen ich die Einkäufe verstauen wollte und legte sie deshalb in den Einkaufswagen vor mir. Sofort blaffte mich die Verkäuferin an, sie wolle in die Taschen schauen. Ich lachte laut los und sagte ihr, dass sie doch gesehen habe, dass ich die gerade aus meiner eigenen Tasche genommen hätte. Sie bestand jedoch darauf, in die Taschen zu blicken.

Es gibt in meinen Augen zwei Möglichkeiten: Entweder sehe ich so aus, als ob ich klaue, die Diebstähle dann in meine Tasche packe, um sie dann an der Kasse wieder auszupacken (?) oder die Kassiererin ist so gedrillt darauf, Taschen zu kontrollieren, dass sie den Sinn ausblendet und nur den Befehl ausführt. Ich befinde mich nun in dem Dilemma, dass ich nicht weiß, ob ich Mitgefühl mit den Kassiererinnen haben soll oder sie trotzdem weitestgehend unfreundlich finde. Vielleicht ist das ganze eine Mischung aus verschiedenen Komponenten: Druck am Arbeitsplatz, unfreundliche und genervte Einkäufer ohne Zeit an der Kasse und keine Freude an der Arbeit – wissen tue ich es leider nicht (würde mich aber wirklich interessieren). Dagegen spricht allerdings, dass es durchaus nette Kassiererinnen gibt, die auf meine Freundlichkeit ebenso reagieren. Allerdings schreibe ich hier nur meine Sicht auf die Kassiererin nieder. Ich schreibe nicht von den vielen unfreundlichen Menschen, die Sprüche wie „Geht das auch schneller“ raushauen, erst fünf Minuten vor Ladenschluss den Supermarkt betreten und sich unnötig viel Zeit lassen oder die wortlos ihren Schein an die Kassiererin reichen und diese vermutlich nicht mal richtig wahrnehmen.

Letztens fragte mich eine Kassiererin beim Abwiegen des Obstes, um welche Frucht es sich denn nochmal bei der aufgelegten Mango handle. Ich antwortete ihr: „Weiß ich nicht, Sie lieben doch Lebensmittel!“ Worauf sie mich erst ungläubig ansah und dann in ein herzliches Lachen ausbrach, in das ich einfiel. Einkaufen kann eben auch Spaß machen. Wenn man es selber will.



Irgendwie haben alle Stöpsel in den Ohren

Ich bin Pendlerin. Ich fahre werktäglich mit der Deutschen Bahn und mit mir viele andere Menschen. Dabei fällt mir auf, dass ich und einige wenige andere allmählich zu Dinosaurieren werden. Warum? Weil wir mit unserem Buch in der Hand zur Ausnahme werden. Fast alle Menschen morgens auf dem Bahnsteig sind in irgendeiner Weise elektronisch verkabelt. Noch vor wenigen Jahren wären Menschen, die scheinbar mit sich selber redend (am frühen Morgen wohlgemerkt!) für verrückt und seltsam erklärt worden. Aber man hat sich daran gewöhnt. Denn diese Menschen telefonieren ja nur. Daneben gibt es dann jene Mitmenschen, die scheinbar immer ihr Mobiltelefon am Ohr haben und schon morgens um acht Uhr höchstwichtige Gespräche führen oder auch Murat, der sich nur bei seinem Kumpel erkundigen möchte, „ob wir nachher noch Domplatte gehen“. Die meisten anderen haben Kopfhöhrer in oder auf den Ohren und lassen sich von ihrem MP3-Player berieseln. Einige andere packen inzwischen, kaum das man in der morgendlich überfüllten Bahn einen Sitzplatz gefunden hat, ihr Notebook aus und stöpseln auch hier wieder die Kopfhörer ein. Ich habe tatsächlich schon Leute gesehen, die sich am frühen Morgen erst mal eine DVD reinziehen. Andere erledigen anscheinend schon mal vorab Büroarbeit, wieder andere schauen nur mal, wer gerade so im Messenger ist. Neulich saßen mir dann morgens in der S-Bahn wirklich ein paar kleine Jungs gegenüber, die eifrig mit ihrem Mobiltelefon Fotos schossen (und mich grimmig dreinblickend vermutlich auf jedem am Rande hatten).

Es ist nicht so, dass ich elektronische Geräte nicht mag oder nicht auch meinen MP3-Player in der Jackentasche hätte. Allerdings packe ich ihn nur aus, wenn ich entweder extrem müde bin oder mich irgendwelche Mitreisenden mit nervigem Geschwätz belästigen. Grundsätzlich mag ich es überhaupt nicht, mit Beschallung auf den Ohren durch die Gegend zu laufen. Ich mag die Geräusche, die mich umgeben und ich mag auch den Gesprächen anderer Leute lauschen, nicht aus Neugier, ich würde es eher als Interesse an anderen bezeichnen. Mit Kopfhörern auf den Ohren kommt man niemals mit seinem Sitznachbarn ins Gespräch. Ich führe oft auf Bahnfahrten kurze nette Gespräche mit Mitreisenden. Ich mag das auch sehr. Denn ich bin doch ein Mensch unter Menschen. Ich finde das spannend und faszinierend. Außerdem kommen so auch wirklich schöne Momente zustande und man spürt, dass jeder anders ist und seine Geschichte hat.

Kurz vor Weihnachten gab es einen lustigen Zwischenfall: Der Zug verließ gerade den Deutzer Bahnhof in Richtung Siegburg, ich war schon in mein Buch vertieft, ebenso wie der Mann mir gegenüber und die beiden Frauen schräg gegenüber. Plötzlich klingelte das Telefon des Mädchens, das rückwärts vor mir im Sitz saß. Es handelte sich um ein Mädchen, welches am nächsten Tag seinen 14. Geburtstag feiern sollte und deshalb nochmal mit seiner Mutter telefonierte. Es wünschte sich sehr dringend ein neues „Handy“ oder „wenigstens einen MP3-Player“. Auch beschwerte sie sich, dass ihre Mutter ihr keinen Kuchen zum Geburtstag gebacken hat, sondern den ganzen Tag nur rumgehangen hat. Dabei wurde sie gegenüber ihrer Mutter extrem ausfallend, wie ich es mich mit meiner Mutter zu reden nie getraut hätte. Allmählich legte ich mein Buch zur Seite, da die Lautstärke des Telefonats dafür sorgte, dass ich mich nicht mehr konzentrieren konnte. Wie ich dabei bemerkte, ging es dem Mann mir gegenüber ebenso. Ich lauschte autmatisch dem Gespräch des Mädchens und musste in mich reingrinsen. Die war noch so kindisch-amüsant, dass ich lachen musste. Als ich meinen Blick zur Seite wandte, bemerkte ich, dass die Frauen mir gegenüber ebenfalls gerade ihre Bücher zur Seite legten und losprusteten. Wir sahen uns an und mussten alle laut lachen. Das ging so weit, dass wir alle zusammen laut lachten und mir der Bauch langsam weh tat. Bei jeder neuen Antwort des Mädchens gröhlten wir los oder hatten schon eine Antwort für sie parat. Uns liefen die Tränen runter und die eine Frau bemerkte noch, dass sie so niemals mit ihrer Mutter geredet hätte. Wir überlegten langsam, ob wir für ein neues Telefon sammeln sollten. Als wir nach einer Viertelstunde in Siegburg ankamen, mussten die ersten beiden aussteigen, worüber sie selbst sehr traurig waren, da sie nun das interessante Telefonat verpassten. Eine der Frauen treffe ich inzwischen regelmäßig im Zug und es hat sich eine nette Bekanntschaft entwickelt. Ich mag so was wirklich sehr, auch wenn sich in diesem Fall über jemand anderen lustig gemacht wurde. Ich mag es, mit anderen zu lachen, zu merken, sie denken wie ich. Ich bin offen und spreche Leute auch gerne an, wenn ich zum Beispiel merke, sie suchen etwas oder brauchen Hilfe. Nicht jeder hat das gerne. Neulich umgriff eine ältere Dame sofort feste ihre Handtasche und schrie laut „Ich brauche keine Hilfe!“, als wenn ich ein Taschendieb mit einer schlechten Masche wäre. So weit ist es schon gekommen, so selten treten Menschen miteinander in Kontakt, dass sie denken, man möchte sie überfallen, wenn man sie anspricht!

Ich würde mir wirklich wünschen, dass ich morgens in der Bahn weniger müde Gesichter mit Stöpseln in den Ohren und dafür mehr lachende, miteinander sprechende Menschen sehen würde. Ich glaube, wir verlernen so traurigerweise einen wichtigen Teil unseres Menschseins – die zwischenmenschliche Kommunikation.