Jahresarchive: 2009

Twitter – Fröhliches Gezwitscher im Selbstversuch

Stichwort Social Media. Twitter hat dieses Jahr über 2.000 Prozent (!) Zuwachs. Das musste ich mir natürlich genauer ansehen und habe mich dort angemeldet. Inkognito natürlich.

Zunächst einmal: Ich bin tatsächlich positiv überrascht worden. Ich hatte vorab eine vollkommene Abneigung gegen Kommunikation im 140-Zeichen-Zwang. Deswegen kann ich mich bis heute auch noch nicht mit SMS anfreunden, da ich ein kurzes, aber persönliches Telefonat nach wie vor für die bessere Art der Kommunikation halte. Aber bei Twitter treiben sich erstaunlich viele Kollegen aus der Texter-Übersetzer-Bloggerwelt rum und sind zuweilen höchst unterhaltsam. Aber von vorne.

Nachdem ich meinen Zugang eingerichtet hatte und dabei recht wenig über mich Preis gegeben habe, wie Wohnort, Hobbys und Beruf, saß ich zunächst hilflos davor und beobachtete das Geschehen. Getwittert habe ich anfänglich über meine momentane Stimmung, das Wetter und manchmal über meine Arbeit. Also alles Dinge, von denen ich annahm, dass sie keinen interessieren dürften. Plötzlich kamen die ersten Follower, die mein Gezwitscher verfolgten. Innerhalb weniger Tage waren es über 20. Ich staunte und fing an, mich umzusehen, wer sich Interessantes dort rum trieb. Ich fand ein paar Leute, deren Profil mich ansprach und deren Tweets ich ganz unterhaltsam fand. Interessanterweise lernt man sich ja mit der Zeit ein bisschen kennen und die Leute dort waren bzw. sind erstaunlich höflich, kreativ und nett im Umgang miteinander. Plötzlich wurde ich weiterempfohlen. Mein Staunen wuchs. Ich habe nichts dafür getan, weder mir besonders spannende Dinge ausgedacht, noch Werbung für mich gemacht oder sonstiges. Inzwischen habe ich 160 (!) Follower. Dazu kommen nochmal jede Menge Möchtegern-Follower, die ich gesperrt habe, da ich sie für unseriös oder Spam hielt.

Denn damit kommen wir zum ersten Punkt, der mir dort sauer aufstößt. Es treiben sich auf Twitter natürlich jede Menge Menschen rum, die dort auf sich aufmerksam machen möchten im Sinne von Werbung. Leider halte ich Twitter dafür ungeeignet. Vor allem, wenn man es auf die plumpe Art versucht („Hallo, schön, dich gefunden zu haben, schau doch mal auf meine Homepage XY“). Sicher nutzt es der ein oder andere Texter oder Übersetzer als Werbung für sich, da er dort hochpoetisch oder sonstwie kreatisch twittert und damit potenzielle Kunden anlockt. Das ist nicht mein Ding. Ich möchte dort unerkannt bleiben, damit ich ich bleiben kann und auch mal persönliche Dinge einfach loswerden kann, die ich ungern publik machen möchte („Mein neuer Kunde strengt mich an.“). Endlich hatte ich einen Platz für meinen Gedankenmüll gefunden und dort haben Kunden nichts zu suchen. Außerdem betreibe ich Akquise lieber anders. Ich hab es als Unterhaltung gesehen, die für mich in den Bereich „Freizeit“ fällt.

Apropos Unterhaltung. Unterhalten möchten auch die ganzen Britneys, die sich auf Twitter rumtreiben. Das sind zeigefreudige Damen, die meist als Foto irgendwelche Körperteile haben und in jedem Tweet auf ihre Videos aufmerksam machen. Das nervt gewaltig, denn daran habe ich keinen Bedarf und es dient vermutlich auch nicht dem eigentlichen Twitterzweck, weshalb solche Spammer auch recht zügig gesperrt werden.

Was mir außerdem gar nicht gefallen hat, ist der Leistungsdruck unter den „coolen“ Twittern. Es gibt dort einige, deren Tweets man wirklich gerne liest. Besonders bei den Textfrauen zeigt sich aber, dass häufig die Zahl der Follower ausschlagebend ist für die Messlatte des eigenen Erfolgs („Meint ihr ich schaffe heute die 1000? Helft mir!“), ebenso die Anzahl der Favs (favorisierte Tweets, die markiert werden) und seit neustem auch die Listenzugehörigkeit. Das brauche ich gar nicht und ich kann es auch nicht verstehen, dass man sich selbst daran misst. Schließlich befinden wir uns im Internet und ich begreife nicht, warum ich hier mein Ego aufpolieren sollte. Genauso befremdlich ist es für mich, dass dort einige behaupten, sie werden dort richtig verstanden und könnten sich zeigen, so wie sie sind und würden nicht – wie sonst – nach Klamotten oder Äußerlichkeiten beurteilt („Was ist die Faszination von Twitter?“ – „Plötzlich wird Coolness in Hirn gemessen.“). Das finde ich etwas seltsam. Denn wenn ich mich nur dort auslassen kann, aber mich im realen Leben ewig unverstanden fühle und in gewisser Art den anderen auch überlegen, denn schließlich wissen sie nicht, was eigentlich total Tolles in mir steckt, läuft dann das Leben nicht eigentlich an mir vorbei?

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Mein Fazit: Interessante Menschen kann man dort treffen und sich nett unterhalten (lassen), es wird einem bei (technischen) Problemen schnell geholfen und sogar einen Auftrag habe ich über Twitter erhalten. Gleichzeitig hat es aber einen unverkennbaren Suchtfaktor, da manche offensichtlich beginnen, mit der Angst zu leben, man könnte einen unheimlich interessanten Tweet verpassen, da das ganze recht schnelllebig ist. Außerdem sind 140 Zeichen definitiv zu kurz für ernsthafte Kommunikation, sondern gewährt lediglich Einblicke. Oder um es mit den letzten Worten eines Twitterers zu sagen: „Mein letzter Tweet. Am WE wird der Account gelöscht. Lebt wohl. Und danke. Zu erreichen nur noch per Mail und Skype.“

Mädchen und Jungs lernen anders?

Auf der Internetseite von PONS habe ich entdeckt, dass es neue Diktat- und Textaufgaben-Bände gibt. Und zwar nicht irgendwelche, nein, sondern geschlechterspezifische Diktat- bzw. Textaufgabenübungen.

Im ersten Moment dachte ich wirklich, es sei ein Scherz. Leider meint der Verlag es bitterernst. So heißt es in der Pressemitteilung des Verlags: „Wenn etwa Jungs Treppendiktate erlaufen, wird ihre natürliche Bewegungsfreude positiv für das Lernen genutzt. Handelt der Text dann noch von spannenden Raumschiffabenteuern, ist Aufmerksamkeit vorprogrammiert. Mädchen finden ihre heißgeliebten Pferde genauso wieder wie kreative Anregungen zum Basteln oder Geschichten erfinden.“ Aha. Jungen bewegen sich also gerne, finden Piraten und Dinosaurier toll und sind technisch interessiert, Mädchen hingegen lieben Pferde, Meerjungfrauen, romantische Regenbögen und basteln gerne.

Mädchen lernen andersJungen lernen anders

Ich bin schockiert, denn ich dachte, ebendiese „geschlechtertypischen Themen“ seien Geschichte. Ist doch allseits bekannt, dass es durchaus zur Vermischung der Interessengebiete der einzelnen Geschlechter gekommen ist, seitdem man den Kindern ihren Freiraum lässt und eben nicht nur genderspezifisches Spielzeug anbietet. Dazu sagt Sebastian Weber, Verlagsleiter PONS Selbstlernen: „Wir wollen nicht altbekannte Klischees zementieren, sondern die Kinder da abholen, wo sie stehen“. Aha. Dass Herr Weber damit aber die altbekannten Klischees bestätigt, hat er wohl nicht bemerkt.

Ich frage mich, wie es in heutigen Zeiten zu solchen Büchern kommen kann. Mädchen werden in allen Bereichen Möglichkeiten geboten und der inzwischen etablierte „Girls-Day“, wird mehr als dankend angenommen. Selbst ein „Boys-Day“ gehört inzwischen zum normalen Ablauf in Schulen. Mit diesen genderspezifischen Übungen jedoch wird bereits kleinen Mädchen und Jungen gezeigt, was sie gefälligst zu interessieren hat. Und wo sie sich einzuordnen haben. Das gesamte Vokabular ist darauf ausgelegt, die zart beseiteten Mädchen anzusprechen und die harten Jungs stärker zu machen. Dabei ist doch ein Erfolg der Emanzipation, dass auch Mädchen ihre Stärken ausleben dürfen, ebenso wie Jungen sich von ihrer weichen Seite zeigen dürfen. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ ist passé? Von wegen.

Das finde ich wirklich traurig. Ob man darüber bei PONS mal nachgedacht hat? Es gibt sicher Unterschiede in der Art, wie Kinder lernen. Da sollte man ansetzen. Und nicht bei den gängigen Jungen-Mädchen-Klischees.

Nachtrag: Kommentar von PONS zur Kritik ist hier nachzulesen:

http://fehlermeldungen.pons.eu/2009/10/pons-diktat-ubungshefte-in-der-kritik/ 

Rechnen mit Prinzessin Rosarot – PONS Online-Diskussion 3.11.09 from PONSeu on Vimeo.

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Es gibt noch Menschen mit Herz!

Auf einem tollen Blog habe ich eine wunderbare Geschichte gelesen, sie heißt „Im Vorübergehen„. Bitte lesen! Sie hat mich so berührt. Es gibt noch Menschen mit Herz. Und manchmal sind es genau die, von denen man es am wenigsten vermutet. Da kann man nur noch schlucken.