Monatsarchive: August 2008

Kommunikation im Rückwärtsgang

Am Anfang verständigte der Mensch sich über Gestik und Mimik. Ziel war überleben, also: Partner oder Partnerin finden, fortpflanzen, jagen und sammeln. Die Probleme dieser Zeit waren allerdings auch begrenzt. Entweder fand man Nahrung oder man verhungerte. Man suchte einen Partner und vermehrte sich oder auch nicht. Vermutlich wurde eine Art Gebärdensprache benutzt, die für diese Zwecke ausreichte. Die Entwicklung des Menschen brachte mit sich, dass daraus eine Lautsprache wurde und sich bis zu den heutigen Sprachen entwickelte. Man konnte also deutlich besser kommunizieren, denn man konnte sprechen und Gestik und Mimik benutzen, um das, was man mitteilen wollte, besser zum Ausdruck zu bringen.

Diese Fähigkeit wurde sehr lange genutzt und präzisiert. Die Schrift kam hinzu und brachte zu Papier, was man anderen sagen wollte. Dabei spielte die Schrift eine wichtige Rolle, denn sie gab dem Ganzen einen Charakter, ja, sie sagte auch einiges über die Person aus, die einem schrieb und vor allem zeigte sie, wie viel Mühe sich der Autor des Briefs gab. Als das Telefon erfunden wurde, ging ein Aufschrei durch die Menschheit: Da war eine Stimme, obwohl der andere an einem ganz anderen Ort war – was für ein Wahnsinn! Abgesehen von Funkgeräten und dem – ich sage mal – Zwischenschritt zum Mobiltelefon, war die nächste Stufe die Kommunikation das Internet. Da sind wir nun.

Menschen kommunizieren, tauschen sich zu Problemen aus, diskutieren mit wildfremden Menschen über noch fremdere Themen, schreiben sich E-Mails mit anderen Menschen, die sie noch nie im Leben gesehen haben. Das hat ja auch seine Vorteile. Aber Menschen gehen im Internet auch auf Partnersuche. Das ist die logische Konsequenz aus diesem Rückschritt in der Entwicklung. Denn Menschen haben die Möglichkeit raus zu gehen, joggen, in die Kneipe, Disco, den Sportverein oder die Volkshochschule, aber nein, was machen sie: Sie suchen in der virtuellen Welt die Person, mit der sie (und die mit ihnen!) das Leben verbringen möchte. Zugegeben: Nicht jeder sucht dort den Partner für das Leben. Manche suchen auch nur sehr, sehr kurze Zusammentreffen – sei es real oder virtuell. Aber ein beachtlicher Anteil der Menschen sucht tatsächlich nach einem Partner.

Was macht diese Faszination aus? Warum sucht man im Internet, wo man den anderen nicht hört, sieht, sein Gesicht nicht beim Sprechen sieht, die Nuancen in Sätzen nicht hört, nicht zwischen den Zeilen lesen kann und die Ehrlichkeit der Worte nicht spürt? Menschen, die im wahren Leben nie aufeinander getroffen wären, warten sehnsüchtig auf eine Nachricht des anderen, rufen ihre E-Mails ab, sind nächtelang in Chaträumen und hören sich die Nichtigkeiten der Mit-Chatter an, nur um hingebungsvoll auf den Log-In des Unbekannten zu warten. Es hat sicher eine Faszination, die das Unbekannte immer unweigerlich auf Menschen ausübt. Aber es hat auch so viele Tücken. Jeder, der regelmäßig E-Mails schreibt, weiß, welche Tücken in dieser Form der Kommunikation lauern. Smileys wurden erfunden, um das Ganze verständlicher zu machen und trotzdem kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Der eine hat etwas ironisch gemeint, während der andere es bitterernst nimmt und in den falschen Hals bekommt. Keine Handschrift gibt Auskunft über den Urheber, man hat keinen persönlichen Eindruck, der das Bild des Gegenübers rund macht. Man macht sich darum selber eins (denn das projiziert der Kopf unwillkürlich) und ist überrascht, im besten Fall erfreut, wenn man die Person dann tatsächlich trifft. So geht das ständig. Die ganzen Missverständnisse können ja schon passieren, wenn der Gesprächspartner gegenüber sitzt. Wie also wollen Menschen wissen, ob die Person, mit der sie gerade per E-Mail kommunizieren, tickt? Ist die Enttäuschung nicht riesig, wenn man dann denkt: „Ach, der ist ja ganz anders als ich dachte“?

Anderseits ist es erstaunlich, wie viele dieser Menschen tatsächlich zu Paaren werden. Es scheint ja zu funktionieren. Trotzdem mutet es seltsam an und die reale Welt bedeutet etwas ganz anderes. Die Art und Weise wie man im Ganzen ist, mit Stimme, Ohren, Mimik, Gestik, Gang, Lachen und dem Mensch als Individuum ist und bleibt hoffentlich unersetzlich. Denn sonst sind wir wirklich mitten im Rückschritt. Rein bezüglich der Entwicklung der Kommunikation gesehen.